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[Rezension] Der emotionale Rucksack – Vivian Dittmar

Geposted am 20. Mai 2018 um 14:00

 

Rezension, Vivian Dittmar, kailash Verlag

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Titel: Der emotionale Rucksack – Wie wir mit ungesunden Gefühlen aufräumen
Reihe: Einzelband
Autorin: Vivian Dittmar
Verlag: kailash (Random House Verlage)
Erscheinungsjahr: 2018
Einband: Paperback
Seitenanzahl: 288

Meine Wertung: 5 Federn

Klappentext:

Der emotionale Rucksack – das sind die schwierigen, unaufgearbeiteten Gefühle aus der Vergangenheit, die jeder mit sich herumschleppt: Angst, Wut, Trauer, Schmerz und andere mehr. Sie belasten uns im Alltag, in der Beziehung und im Job, indem sie zu emotionalen Überreaktionen führen und so selbst harmlose Situationen eskalieren lassen. Vivian Dittmar, bekannte Referentin und Seminarleiterin, stellt einen neuen, heilsamen Umgang mit dem emotionalen Rucksack vor. Sie zeigt, wie wir ihn kontrolliert und bewusst entladen können, sodass wir endlich freier und mit weniger Ballast durchs Leben gehen, ohne bei jeder Kleinigkeit aus der Haut zu fahren. So wird es sogar in emotionalen Ausnahmezuständen möglich, mit uns und anderen gelassener umzugehen.

Rezension:

Über dieses Buch bin ich eher zufällig in der Buchhandlung gestolpert. Ich war auf der Suche nach Bücher zum Thema Energiearbeit, als mich das Cover und der Titel magisch anzogen. Aus meiner Sicht ist das immer ein Hinweis, dass das Buch dringend von mir gelesen werden sollte und so habe ich es gekauft. Ich hoffe, dass diese Rezension nicht zu persönlich wird, denn das Thema ist genau mein Thema im Leben.

Vivian Dittmar hat mich nut dem Buch definitiv nicht enttäuscht. Ich selber habe einige Jahre in einer Gruppe systemische Aufstellungsarbeit gemacht, so dass mir das Thema grundsätzlich nicht fremd ist. Vieles von dem, was die Autorin ausführt deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen, so dass ich mich sehr gut auf das Buch einlassen konnte. Vivian Dittmar hat einen leichten, verständlichen Schreibstil, so dass auch Anfänger auf diesem Gebiet sich gut in das Thema einlesen können. Aber auch Menschen, die sich bereits damit angefangen haben auseinander zu setzen werden neue Erkenntnisse oder Aha-Effekte haben. Es schadet nichts, sich einige Dinge immer mal wieder vor Augen zu führen.

Zunächst geht es darum, deutlich zu machen, dass jeder von uns einen mehr oder weniger schwergewichtigen emotionalen Rucksack mit sich herumträgt. Das ist grundsätzlich erst einmal nichts Schlechtes. Schlecht wird es, wenn die in diesem Rucksack verpackten Emotionen uns in völlig unerwarteten Situationen überrollen. Wir reagieren dann nicht mehr als Erwachsene, sondern mit einem Anteil in uns, der in dieser Situation getriggert wird und völlig überfordert ist. Kennt sicher jeder, dass er mal völlig unangemessen reagiert und sich hinterher wundert, woher diese Reaktion nun kam.

Mit kleinen Übungen nimmt die Autorin den Leser mit auf die Reise zum eigenen emotionalen Rucksack, um zu ergründen, was bei einem selbst alles so darin abgelegt ist.

Interessant auch der Abschnitt, der sich damit beschäftigt, welche Strategien Menschen dafür haben, ihre Gefühle nicht fühlen zu müssen. Darin bin ich definitiv auch ganz groß. Wie sagte Kim, bei der wir die systemische Aufstellung gemacht haben, immer so schön: “Gefühle muss man fühlen.” Gar nicht so einfach, wenn man das nie gelernt hat. Vivian Dittmar setzt sehr spannend auseinander, welche Strategien es gibt um seine Gefühle nicht fühlen zu müssen und warum sie uns im Leben nicht weiterbringen. Ich denke, dass sich jeder Leser auch hier wiederfindet, wenn er ehrlich mit sich selbst ist.

Fühlen ist in unserer Gesellschaft eine verkümmerte Funktion. Sie ist so verkümmert, dass viele Menschen sie weitgehend verlernt haben. […] Das geht so weit, dass er zu fühlen glaubt, wenn er eigentlich denkt.” (S. 131/132) – Wie wahr! Genau das ist es nämlich. Wir verlernen unsere Gefühle auch tatsächlich zu fühlen. Es ist nicht “in” Gefühle zu zeigen. Freude mag ja gerade noch angebracht sein, aber Trauer, Wut, Enttäuschung will doch niemand sehen, schon gar nicht im beruflichen Umfeld. Man lernt sehr schnell, diese Gefühle fest zu verpacken und bloß nicht zu zeigen. Mir selbst fällt es auch heute teilweise noch schwer meine Gefühle zu fühlen und nicht nur zu denken (hört sich komisch an? Ist aber so!). Die Ausführungen von Vivian Dittmar zu diesem Thema finde ich unheimlich spannend und nachvollziehbar und auch ein bisschen beruhigend, denn irgendwie merkt man, dass man gar nicht so “falsch”, gar nicht so allein damit ist, wie man ist. Und, es gibt Hoffnung 😉 Man kann durchaus an sich arbeiten in diesem Leben. Fühlen kann man lernen.

Spannend finde ich, dass die Autorin die emotionale Hygiene mit der Körperhygiene vergleicht. Sie stellt dar, dass es nicht immer selbstverständlich war, sich z. B. die Zähne zu putzen oder die Hände zu waschen. Erst nach und nach ist es bewiesen worden und ins Bewusstsein der Menschengesickert, dass Körperhygiene hilft, den Körper gesund zu halten. Dass emotionale Hygiene ebenso wichtig ist, ist auch heute noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen. Wer emotional ausgebrannt ist wird eher belächelt und für nicht stark genug für das Leben/ den Job gehalten. Wer eingesteht, dass er etwas psychisch nicht schafft, erntet oft eher Unverständnis.

Sich einzugestehen, dass man sich auch um seine Seele, seine Gefühle kümmern muss… hm… nicht ganz einfach. Ich will mich da gar nicht ausnehmen, dass ich oft zu wenig Verständnis habe, wenn Menschen nicht die geforderte Leistung bringen (sowohl mir selbst, als auch anderen gegenüber, wobei ich oft mit mir selbst noch strenger bin als mit anderen). Dieses Buch öffnet mir gerade definitiv wieder ein Stück weit die Augen und dafür bin ich sehr dankbar.

Womit ich nicht so gut klar gekommen bin ist der Ausdruck “emotionale Entladung“. Ich habe verstanden, was die Autorin damit meint und wie das Prinzip dahinter ist. Dennoch komme ich nicht davon weg, dass “Entladung” für mich etwas mit unkontrolliert zu tun hat und das ist es genau nicht. Es ist kein unkontrolliertes Explodieren oder so ist gemeint. Das Prinzip ist für mich nachvollziehbar, aber die Begrifflichkeit schreckt mich ab.

Mich wird das Buch noch lange beschäftigen und es wird nicht lange dauern, bis ich es wieder zu Hand nehme. Einmal lesen reicht nicht, es ist ein Prozeß, der angestoßen werden und gepflegt und vor allem gefühlt werden will. Mir ist bewusst, dass das Buch sicher nicht für jeden das Richtige ist, jeder muss seinen Weg finden, mit sich und dem Leben umzugehen. Aber für mich persönlich passt hier einfach fast alles, was die Autorin sagt. Ich konnte oft zustimmend nicken.

Von mir gibt es 5 Federn. Wer sich mit dem Thema “Emotionen und Gefühle” auseinandersetzen möchte wird hier einen guten Einstieg in das Thema finden.

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